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Lesen im Deutschunterricht in Zyklus 3

Leseförderung, insbesondere durch literarische Bildung, ist im Zyklus 3 zentral. Denn Lesen bzw. die Lesemotivation der Jugendlichen im Übergang zur Pubertät wird durch immer mehr Faktoren beeinflusst. Jetzt ist die letzte Chance, die Lust am Lesen weiter zu fördern und Leseschwächen in Lesestärken zu verwandeln.

Spezifische Herausforderungen und Schwerpunkte

Zeigt sich bei Jugendlichen eine fehlende Lesemotivation, geht diese oft mit geringer Lesekompetenz (Leseflüssigkeit, Lesegeläufigkeit, Leseverstehen) einher. Zudem haben zweisprachige und sozial benachteiligte Heranwachsende in ihrer Leseentwicklung oft grosse Hürden zu überwinden.

Die Konsequenzen können für die Betroffenen einschneidend sein: Ihnen droht die Gefahr, im Erwachsenenleben nicht über genügend Lesekompetenzen zu verfügen, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können und beruflich weiterzukommen.

Was bedeutet das für Sie als Lehrperson? Der Unterricht im Zyklus 3 ist die letzte Chance, die Lust am Lesen weiter zu fördern und Leseschwächen in Lesestärken zu verwandeln. Indem auf die individuellen Interessen der Jugendlichen eingegangen wird, werden Motivationslagen geschaffen, die die Lust am Lesen erhalten und fördern. Ungehinderter Zugang zu Literatur ist eine Grundvoraussetzung für die persönliche Entwicklung zur Leserin, zum Leser.

Ziele der Leseförderung

Leseförderung ist nicht alleine Aufgabe des Deutschunterrichts. Lehrpersonen aller Fächer sind in der Verantwortung, Aufgaben, Umfeld und Motivationslagen so zu gestalten, dass Schüler:innen ein positives lesebezogenes Selbstkonzept entwickeln. Die Jugendlichen sollen durch das Lesen vielfältiger Texte, besonders auch literarischer Texte, lernen, sich selbst als kompetente:n und interessierte:n Lesende:n wahrzunehmen; damit sie auch als Erwachsene das Interesse am Lesen von Texten aller Art behalten und pflegen.

Durch einen offenen und differenzierten Leseunterricht

  • wird Lesen als «lohnende Tätigkeit» erfahren».
  • können Schüler:innen den eigenen Interessen entsprechende Lesestoffe entdecken.
  • werden durch die Lehrpersonen passende Zugänge zu verschiedensten Texten und (multimedialen) Textformen, die Lesende sowohl inhaltlich wie sprachlich ansprechen und fordern, ohne zu überfordern, eröffnet.
  • ist ein reichhaltiges Buch-, Zeitungs- und Medienangebot für die Jugendlichen niederschwellig zugänglich (z.B. Textsammlungen, Bücherkisten, Klassenbibliotheken, Leseecken, Buchvorstellungen, Hitlisten, …).
  • wird das Lesen in Rahmenhandlungen eingebettet (literarische Gespräche, Lesetagebuch, Lesewettbewerbe, …).

Schüler:innen sollen über Texte sprechen, um damit das eigene Urteil zum Gelesenen zu schärfen und persönliche Zugänge zu Texten zu entwickeln. Sie sollen erfahren, dass Lesen etwas Alltägliches und eine Form der Teilhabe ist. Dabei ist es wichtig, dass im Unterricht eine ausgewogene Mischung von Sachtexten und literarischen Texten angeboten wird. Zu vielen Büchern gibt es mittlerweile auch Apps für das Smartphone oder für Tablets, welche die Brücke zwischen traditionellen und digitalen Medien spannen. Ausserdem können Lehrpersonen Literatur mit dazugehörenden Websites finden, auf denen ergänzende Aufgabenstellungen angeboten werden.

  • da bux: Stufengemässe Kurzromane für leseunmotivierte Jugendliche (www.dabux.ch)

Lesestrategien

Um wenig motivierte Jugendliche zu fördern, gehört in erster Linie:

  • die Leseaktivitäten dieser Schüler:innen achtsam zu begleiten,
  • ihr Selbstbewusstsein zu stärken,
  • den Druck von der Leseaktivität zu nehmen,
  • die kulturellen Voraussetzungen der Schüler:innen zu berücksichtigen, insbesondere im Zusammenhang mit dem literarischen Lesen.

Zusätzlich gehört das Trainieren der Lesegeläufigkeit und der Aufbau von Lesestrategien auch im Zyklus 3 zu einem umfassenden Leseunterricht. Wenn das Lesen längerer Texte durch mangelnde Leseflüssigkeit erschwert wird, müssen Formen gefunden werden, die die Rezeption unterstützen und erleichtern.

Für Schüler:innen im Zyklus 3 sind folgende sechs Lesestrategien gut anwendbar, die auch die Grundlage für das Lesetraining im Lehrmittel «Lesen. Das Training 3» darstellen (Kruse/Riss/Sommer, 2013: 29):

  Strategien Schritte
Vor dem Lesen 1. Text sichten
  • Überblick verschaffen
  • Thema erkennen
  • Textart bestimmen
  • Vorwissen aktivieren
2. Texte einschätzen
  • Leseproben nehmen
  • Leseweg wählen
  • Leseerwartung bewusst machen
Während des Lesens 3. Text bewusst lesen
  • Zusammenhänge erkennen
  • Sich Gelesenes bildlich vorstellen
  • Schwierige Stellen klären
4. Text erschliessen
  • Sinnabschnitte bilden
  • Hauptaussagen formulieren
  • Schlüsselstellen markieren
  • Kritisch lesen
Nach dem Lesen 5. Text zusammenfassen
  • Liste, Zeitstrahl, Tabelle
  • Baumdiagramm, Strukturbild, Schaubild
6. Text beurteilen
  • Gelesenes bewerten
  • Eine Leseempfehlung abgeben
  • Zum Inhalt Stellung nehmen
Abbildung: Kruse, G./ Riss, M./ Sommer, T. (2013): Lesen. Das Training 3 - Kommentar für Lehrerinnen Lehrer, 1.Auflage 2013, Schulverlag plus AG, Bern. Seite 29

Erkenntnisse aus der Literatur

Die Auseinandersetzung mit literarischen Texten ermöglicht den Schüler:innen ein «Probehandeln» in der Bewältigung fiktiver Situationen, das nicht mit dem Risiko persönlichen Scheiterns verbunden ist. Die Schüler:innen können fremden Menschen und deren Schicksal begegnen, sie lernen sich und die Welt aus anderer Perspektive kennen, sie erhalten Einblick in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, in Fiktion und Wahrheit, in Fremdverstehen und Empathie. Imaginationskraft, Kreativität und auch sprachlich-ästhetische Kompetenz können durch literarisches Lesen gefördert werden. Literarische Bildung geschieht nicht selbsterklärend durch das Lesen von Literatur, sie muss durch die Lehrperson adressatengerecht angeleitet und gefördert werden.

Beispiele von Leseanimation im Unterricht

  • Offene Unterrichtsformen: Dem Lesen und Schreiben Raum geben, den Stellenwert des Lesens erhöhen, es zur wichtigen Gewohnheit machen.
  • Vielfältiges und schülernahes Angebot von Büchern, Texten, Textsammlungen, Zeitschriften, Bücherkisten, Bibliothek im Klassenraum einrichten, niederschwelligen Zugang zu Lesetexten eröffnen.
  • Multimedia-Einrichtungen, mit welchen Jugendliche am Bildschirm Informationen holen, zusammenstellen und in fiktionale Welten eintauchen können. Gelesen wird nicht nur in Büchern; über verschiedene Medien (Hörbuch, Internet, Magazine usw.) kann der Zugang zu Büchern geschaffen werden.
  • Lesen und Schreiben in reichhaltigen Aufgabenstellungen verbinden, Gelesenes vielfältig, multimedial verarbeiten lassen (Filmtrailer, Hörtexte, szenisches Darstellen, ...).
  • Mit Projekten/Events arbeiten: Leseateliers, Leseevents, Lesewerkstätten, Leseforen, literarische Talkshows, …
  • Lesefreiräume vor allem für langsam lesende Kinder und Jugendliche schaffen. Dies verhindert Frustration und fördert das Vertrauen in die eigenen Lesefähigkeiten. Dabei sollen die unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen der Schüler:innen berücksichtigt werden.
  • Öffnung des Leseunterrichts, Miteinbezug der Eltern, der Familien
  • Vielsprachiges Lesen (Language Awareness) ermöglichen – Schüler:innen mit fremdsprachigem Hintergrund dazu ermuntern, Texte aus dem eigenen Sprachhintergrund in die Schule mitzubringen und zu lesen.

Selbstverständlich finden Leseförderung wie auch Lesetraining nicht ausschliesslich im Deutschunterricht statt. Josef Leisen postuliert folgende Leseprinzipien für das Lesen in allen Fächern:

Leseprinzip Umsetzung im Unterricht
Das Prinzip der eigenständigen Auseinandersetzung Die Lesenden werden durch geeignete Lesestrategien und gute Arbeitsaufträge zur eigenständigen Bearbeitung des Textes angeleitet.
Das Prinzip der zyklischen Bearbeitung Die Lesenden werden mit immer anderen Aufträgen in Zyklen zur erfolgreichen und unter Umständen produktiven Bearbeitung des Textes angeleitet.
Das Prinzip der Übertragung in eine andere Darstellungsform Die Lesenden werden angeleitet, den Text in eine andere Darstellungsform zu übertragen, sofern dies möglich und sinnvoll ist.
Leisen 2007:192f.

Literatur

Leisen, J. (2007): Lesen in allen Fächern. In: Andrea Bertschi-Kaufmann (Hg.): Lesekompetenz, Leseleistung, Leseförderung. Zug: Klett und Balmer, S. 189–197

Kämper-van den Boogaart, M. (Hg.) (2003): Deutschdidaktik. Leitfaden für die Sekundarstufe I und II. Berlin: Cornelsen Scriptor

Kruse, G. (2007): Das Lesen trainieren: Zu Konzepten von Leseunterricht und Leseübung. In: Andrea Bertschi-Kaufmann (Hg.): Lesekompetenz, Leseleistung, Leseförderung. Grundlagen, Modelle und Materialien. Zug: Klett und Balmer. 1. Auflage, S. 176–188

Kruse, G./Riss, M./Sommer, T. (2013): Lesen. Das Training 3 – Kommentar für Lehrerinnen und Lehrer. Bern: Schulverlag plus AG, 1. Auflage

Rosebrock, C /Nix, D. (2014): Grundlagen der Lesedidaktik und der systematischen schulischen Leseförderung. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 7. Auflage

Spinner, K. (2016): Lesen als ästhetische Bildung. In: Andrea Bertschi-Kaufmann – Tanja Graber (Hg.: Lesekompetenz, Leseleistung, Leseförderung. Zug: Klett und Balmer, 6. Auflage, S. 76–87

Stäuli Arslan, B. (2006): Leseknick – Lesekick. Leseförderung in vielsprachigen Schulen. Zürich: Lehrmittelverlag

Stuck, E. (2006): Lesewelten, Didaktisches Handbuch. Bern: Schulverlag / Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich

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